Rekonstruktion und Analyse der Ausdehnung des Meereises und der offenen Wasserflächen im Europäischen Nordmeer und der Davis Strait von 1770 bis heute

In dem Projekt "Rekonstruktion und Analyse der Ausdehnung des Meereises und der offenen Wasserflächen im Europäischen Nordmeer und der Davis Strait von 1770 bis heute" wird aus Küstenbeobachtungen und historischen Schiffsjournalen (Logbüchern) des Walfangs zur Grönlandfahrerzeit (Walfang und Robbenschlag in den Gewässern Spitzbergens und im Eis vor der Westküste Grönlands) die Bedeckung des Europäischen Nordmeeres mit Meereis rekonstruiert. Die Meereisverhältnisse aus historischer Zeit werden mit denen heutiger Zeit verglichen und auf signifikante Veränderungen überprüft, Korrelationsanalysen werden durchgeführt.

Meereis ist ein sicherer Indikator für die klimatischen Verhältnisse, daher lässt sich das entstehende Meereisverbreitungsmuster dementsprechend interpretieren. Diese Untersuchung kann unter anderem dazu dienen, grundlegendes älteres Datenmaterial aus der Zeit vor Luftbildobservationen und Satelitenbeobachtungen für die Erstellung von Meereis- und Klimamodellen bereitzustellen.

Die dürftige Datenlage erschwert die Rekonstruktion der Verhältnisse von Meereis und Klima in den Polargebieten in historischer Zeit. Von den vielen Tausend Ausfahrten der Grönlandfahrer in das Nordmeer blieben nur wenige Schiffstagebücher erhalten, die in Archiven in allen historischen Walfangnationen lagern. Die Küstenbeobachtungen wurden in den polaren Breiten nur selten schriftlich fixiert.

In der Diskussion um die antropogene Veränderung des Klimas durch den erhöhten Ausstoß von sogenannten Treibhausgasen wie CO2 und Methan geht man heute davon aus, dass sich die Erde durch den menschlichen Einfluss erwärmt. Um dies wissenschaftlich zu belegen ist ein Abgleich mit in historischer Zeit eingetroffenen Veränderungen des Klimas nötig, um außergewöhnliche Veränderungen von üblichen Klimaschwankungen zu unterscheiden. Erst dieser Abgleich ermöglicht eine Extrapolation auf die Zukunft. Um die Veränderungen aufzuzeigen sind umfangreiche Kenntnisse über Wetter, Witterung und Klima in früheren Zeiten erforderlich.

Seit dem späten 17. Jh. werden an vielen Universitäten Europas Wetteraufzeichnungen gemacht. Ältere Informationen oder solche aus universitätsfernen Regionen sind kaum erhältlich. Zur Klimarekonstruktion teuft man in die Eisschilde Grönlands und der Antarktis Eiskernbohrungen ab, um aus den Jahresschichten entsprechende Aussagen zu treffen.

Ein anderer Weg wird in der historischen Klimaforschung beschritten. Hier versucht man aus archivierten historischen Quellen direkte oder indirekte Hinweise auf die klimatischen Verhältnisse zu erhalten. Die Erfassung historischer Klimadaten mit modernen Datenbanksystemen ermöglicht die Auswertung sowie die Weiterbearbeitung dieser historischen Daten.

Der Walfang im Europäischen Nordmeer und der Grönlandsee, die "Grönlandfahrt" begann ab 1610 durch Engländer und Holländer. Zunächst wurde in den Buchten Spitzbergens und Jan Mayens der Wal intensiv bejagt. Es wurden für die "Baienfischerei" auf den Inseln große Fangstationen aufgebaut, in denen der Tran aus dem Walspeck ausgekocht wurde. In Deutschland begann die Grönlandfahrt nachweislich erst 1642. Die Zahl der erbeuteten Wale war an der Küste so hoch, dass der Bestand der Wale einbrach und der Walfang in die offene See und das Treibeis verlagert werden musste. So wurde, in der zweiten Hälfte des 17. Jh., die "See- und Eisfischerei" zum typischen Walfang im Europäischen Nordmeer. Die Trankochereien wurden in die Heimathäfen verlegt, die Fangstationen aufgegeben.

Die Durch den weiteren Rückgang des Walbestandes gewann die Robbenschlägerei an Bedeutung. Die Schiffe fuhren an der Eiskante entlang, dabei wurde nach Walen und Robben Ausschau gehalten. Das Fanggebiet lag vor allem im Westeis, im Treibeisgürtel vor der Ostküste Grönlands, von Spitzbergen bis zur Davis-Straße, hauptsächlich zwischen 70 und 81 nördlicher Breite.

Die Entdeckung des Erdöls als Ersatzgrundstoff für Walprodukte und die Bestandsdezimierung führte zum Einstellen des Walfangs im Europäischen Nordmeer in den meisten Ländern um 1870. Der umfangreiche Fangverkehr vor und im Meereis ermöglicht die Rekonstruktion der Eisgrenzen im Gebiet der Grönlandfahrt.

Bei ihren Fahrten in das Eismeer wurden Grönlandfahrer oft "vom Eise besetzt" d.h. vom Treibeis eingeschlossen. Die Schiffe konnten dabei so vom Eis bedrängt werden, dass sie aufgegeben werden mussten. Bei den Eingeschlossenen waren Eisberge und hohe Presseisrücken gefürchtet wegen der zum übrigen Meereis unterschiedlichen Driftgeschwindigkeit und -richtung und dem damit verbundenen Druck den diese auf das übrige Meereis ausüben.

Die Oberfläche von mehrjährigem Meereis besteht zum Teil aus Süßwassereis, entstanden aus der Schneeauflage und den Salzumlagerungsprozessen während des Gefrierens. Altes Meereis diente den Grönlandfahrern oft zur Ergänzung ihrer Wasservorräte.

Projektmitarbeiter / Projektleitung:
Börge Pflüger
Dietbert Thannheiser